Unser Alltag in einer Wohngruppe des Altenpflegeheimes
„Nie wollte ich in ein Altenheim!
Aber gesundheitliche und familiäre Probleme gestatteten mir keine Wahl. Nun lebe ich seit einigen Jahren da, wo ich nie hin wollte – in einem Pflegeheim.
Mein Leben hat sich noch einmal ändern müssen, wie schon so oft in meiner Vergangenheit, aber es lebt sich angenehm hier in der Wohngruppe des Pflegeheimes der Fürstin-Franziska-Christine-Stiftung. Ich fühle mich als Teil einer guten sozialen Gemeinschaft, fast so wie in einer großen Familie.
Dieses Gefühl hatte ich am Anfang meines Aufenthaltes hier nicht. Die erste Zeit der Eingewöhnung ist mir sehr schwer gefallen. Ich musste lernen, dass nicht so sehr das Leben in einem Pflegeheim das Problem ist, sondern vielmehr die Tatsache, dass ich alt geworden und auf die Hilfe anderer angewiesen bin.
In meiner Wohngruppe leben außer mir noch 19 andere ältere Damen und Herren unterschiedlichen Alters, mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen und Krankheiten, aber der Gemeinsamkeit, nicht mehr allein zu Hause leben zu können.
Sich gegenseitig in Krankheit, Behinderung und Schwäche zu akzeptieren, erfordert viel Toleranz im Umgang miteinander. Und wie in jeder Gemeinschaft klappt das auch nicht immer. Da halten sich Ärger und Freude oft die Waage. Aber: wer sich ärgern oder freuen kann, der lebt!
Das Leben hier gibt mir die Hilfe und die Sicherheit, die ich brauche. Die Selbstständigkeit, die mir geblieben ist, wird unterstützt und gefördert. Der Tagesablauf bietet mir sowohl Gleichmaß als auch Abwechslung.
Am Morgen bin ich eine der ersten, die vom Pflegepersonal versorgt wird, denn ich brauche viel Zeit, weil meine linke Körperhälfte durch einen Schlaganfall nicht voll funktionsfähig ist. Ich benötige Hilfe beim Aufstehen aus dem Bett, beim Gang ins Badezimmer und bei dem Teil der Körperpflege, den ich (wie z. B. das Waschen des Rückens oder der Füße) nicht allein ausführen kann. Für das Ankleiden habe ich mir einige hilfreiche Tricks angeeignet, aber Knöpfe und Reißverschlüsse kann ich nicht allein bewältigen. Auch die Schnürsenkel zubinden, bleibt außerhalb meiner Möglichkeiten. Ich könnte zwar sogenannte „Schlupfschuhe" anziehen, aber zu meinem Verständnis des eigenen Aussehens gehört nun einmal ein ordentlich geschnürter Schuh. Die Schwestern und Pfleger kennen mich und helfen mir, meine eigenen Vorstellungen leben zu können.
Man lernt sich im Laufe der Zeit gut kennen – die Bewohnerinnen und Bewohner, die Angehörigen und das Pflegepersonal.
Wir verzichten hier auf eine starre „Hausordnung". Die Angehörigen können z. B. zu jeder Zeit kommen und werden in das Leben der Wohngruppe mit einbezogen.
Gleichwohl gibt es einen geregelten Tagesablauf.
Mit einem Frühstücksbuffet beginnt „unser Alltag". Ich kann meine Wünsche äußern und bekomme das Essen, an meine Beeinträchtigung angepasst, zubereitet. Meistens liegt meine Zeitung schon da und ich kann nach dem Frühstück die neuesten Nachrichten lesen. Manchmal allerdings bleibt mir nicht allzu viel Zeit dazu.
Es gibt die verschiedensten Angebote der Beschäftigung wie: Gedächtnistraining, Singkreis, Spiele, Sitzhockey, Sitzkegeln und Gymnastik. Es gibt eine "Gartengruppe", die an extra angefertigten Hochbeeten (besonders gut für Rückenleidende und Rollstuhlfahrer) arbeitet. Die "Kochgruppe" erfreut oft zum Abendessen mit kulinarischen Genüssen. Im "kreativen Gestalten" werden schöne Dekorationen erstellt, die z.B. Ostern, Weihnachten, im Frühling oder im Herbst die Wohngruppen schmücken.
Besonders gerne gehe ich in den Singkreis. Wir haben dort ein eigenes Liederbuch erstellt, das die alten bekannten Lieder enthält - mit allen Strophen.
Und schließlich brauche ich neben allen Angeboten auch meine Ruhe oder Zeit für Pläuschen mit anderen Bewohnern oder mit meinem Lieblingspfleger!
Nach dem Essen um 12.00 Uhr beginnt die Mittagspause. Auf dem Bett zu liegen und zu ruhen bis es Zeit zum Kaffeetrinken ist, bedeutet für mich eine angenehme Erholung.
Wenn kein Geburtstag oder ein festliches Ereignis ansteht, wo bei Kaffee und Kuchen gefeiert wird, ist der Nachmittag ausgefüllt mit den angebotenen Beschäftigungen oder anderen verschiedenen Aktivitäten. Mal bekomme ich Besuch von meiner Tochter und meinem Enkel, mal wird ein Ausflug gemacht, mal gehe ich in Begleitung auch einfach im Park der Stiftung spazieren. Besonders liebe ich den Rosengarten, wenn dort alles blüht. Dann kann ich bei gutem Wetter dort auf einer Bank sitzen und die Sonne genießen. Das Lachen der spielenden Kinder des Kinderheimes erinnert mich an alte Zeiten.
Das Abendessen um 18.30 Uhr (die Zeit wie früher bei uns zu Hause) beendet langsam meinen Tag. Dann bin ich auch müde und meine Beine sind schwer geworden. Die Schwestern helfen mir bei den Vorbereitungen für die Nacht. Ich liege versorgt in meinem Bett und, wenn ich möchte, kann ich noch ein wenig Fernsehen.
Nicht immer kann ich des Nachts schlafen. Ich denke viel an vergangene Zeiten und an mein vergangenes Leben zurück.
Ich bin zufrieden mit meinem Leben, obwohl ich da bin, wo ich nie hinwollte - in einem Pflegeheim."

